Als mein Opa im Sterben lag, teilte sich die Welt. Es gab das Leben “da draußen”, und es gab das Sterbebett meines Großvaters. Wie unter einer Glocke war es ein zeitloser Raum, in dem alles und nichts passierte.

Meine Omi, meine Mum und ich begleiteten unseren Familienpatriarch auf seiner letzten Reise, und obwohl sie sehr still war, war sie doch sichtlich beschwerlich. Was sicher auch daran lag, dass wir ihn nur so schwer gehen lassen konnten, ihm zwar sagten, dass er sich jetzt sorglos auf den Weg machen kann, ihn aber im Herzen doch festhalten wollten und nur schwer aushielten, ihn so zu sehen. Und eigentlich wollten wir das nicht. Wir wollten ihn bei uns “behalten”, den Ehemann, Vater und Großvater, der uns allen viele Jahre lang ein Zuhause gegeben hatte, der alles zusammenhielt, wenn es mal wieder knallte, der mit seinem leisen, weisen Humor die Welt immer staunend betrachtete, obwohl sie ihm im Laufe der Jahre ein wenig fremd geworden war.

“Dat wurd aber och Zitt” sagte er, als er mich ins Zimmer kommen sah, auf seine immernoch humorvolle Art und Weise; aber vielleicht habe ich auch nur genau das verstanden – ich hatte erst am Tag zuvor erfahren, dass er im Krankenhaus lag und wir uns auf den Abschied “vorbereiten” müssten. Mehr hat er danach nicht mehr sprechen können.

Wir saßen zwei Tage lang abwechselnd bei ihm am Bett, legten sein Bein wieder richtig, wenn er es zwischen Matratze und Bettgestell eingeklemmt hatte, trockneten ihm die Schweißperlen von der Stirn, und stützten und umsorgten uns gegenseitig.

Der Krankenhauspfarrer kam zu uns. Auf mich wirkte er wie eine verlorene, im Glauben erstarrte Gestalt. Ich fühlte mich gestört durch seine Anwesenheit. So ging ich nicht mit, als er zum Gespräch in die Krankenhauskapelle einlud.
Ich blieb für eine minutenlange Ewigkeit allein am Bett meines Opas, und sang ihm vor.
Immer, wenn ich sang, wurde er spürbar ruhiger. Sein Bein blieb liegen, sein Atem wurde gleichmäßiger. Den irischen Reisesegen sang ich mehrmals in diesen Tagen, auch im Beisein meiner Oma und meiner Mum.

Als der Pfarrer mit den beiden Frauen zurück ins Zimmer kam, waren meine Lieder verklungen, und ich hatte alles gesagt, was mir zu sagen blieb. Wir beteten ein gemeinsames “Vater unser”, und ich hörte mich die Worte sagen, die mir damals im Religionsunterricht unter Androhung von Strafarbeiten eingetrichtert wurden, und konnte zum ersten mal ihre Wahrheit fühlen, und nichts von dem, was vorher war, war von Bedeutung. Und diese Wahrheit war größer, als die Abneigung gegen christlichen und anderen monotheistischen Dogmatismus und größer als meine Verwurzelung im vorchristlichen Glauben. Sie war größer als alles, was ich bis dahin gefühlt und zu glauben gemeint hatte.

Am Abend des 2. Advent saßen wir drei Frauen zusammen am Tisch in der Wohnung meiner Großeltern. Draußen herrschte wirres Schneetreiben. Wir überlegten, wie wir die Nacht verbringen wollten. Meine Oma war die Nacht zuvor im Krankenzimmer an der Seite meines Opas geblieben, konnte das aber nicht eine zweite Nacht tragen. Ich bot an, die Nachtwache zu übernehmen, was keine Zustimmung fand – ich war, wie wir alle, am Rand der Belastbarkeit. Wir beschlossen gemeinsam und einstimmig: So wie es jetzt passiert, passiert es. Wir müssen loslassen, in Liebe loslassen, und für uns gemeinsam Jetzt und Hier sein. Mehr ist nicht zu tun.

Minuten später kam der Anruf aus dem Krankenhaus.

Wir fuhren wieder hin. Keine Schneeflocke fiel mehr, die Welt war still. Die Welt war auch nicht mehr geteilt. Es gab nur die Stille, die auch Trauer war, die aber auch Erleichterung war, und die Hoffnung und Zukunft war. Im Zimmer empfing uns warmer Kerzenschein. Das Krankenhauspersonal hatte ein Tischchen liebevoll hergerichtet. Wir nahmen Abschied, wie auch alle Tage zuvor. Nun aber in “Frieden”.

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